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DESMOND LLEWELYN - ALS JAMEs BONDs DANIEL DUESENTRIEB AVANCIERTE Q IN SEINER 32JAEHRIGEN KARRIERE ZUR KULTFIGUR. |
James Bond der Mann mit Stahlnerven: Waeren sie ihm nicht angeboren, so haette Profi-Erfinder Q sie 007 ans der Retorte gezaubert und auf den Leib geschneidert. In der Tat ist dieser Q noch wichtiger als Bond selber, denn ohne die toedlichen kleinen Spielzeuge aus den Werkstaetten der "Q Division" des britischen Geheimdienstes haette der virtuelle Held schon im Verlaufe von "007 jagt Dr. No" die intimen Geheimnisse eines Sarges hautnah kennenlernen muessen. Aber Q hat fuer seine Taten nie jene Anerkennung gefunden, die er verdient haette.
Das Leben ist brutal fuer Q. Niemand sonst im Reiche des James Bond altert. Geburtstage gibt es im Alltag des britischen Geheimdienstes nicht, im Gegenteil: Alle paar Jahre taucht die komplette 007-Besatzung in einen Jungbrunnen, und schwupp! Alle grauen Haare sind Verschwunden, Runzeln geglaettet und Bond- Girl-Brustwarzen frisch himmelwaerts gereckt. Alt und grausig sind hoechstens mal ein paar Feinde - und wie's denen so ergeht, weiss man. Nur einer im Bondschen Universum bleibt von der Zellteilung nicht verschont: Q. Seit er in den fruehen Tagen dem jungen Bond mit der Aura eines pedantischen Prokuristen wenigstens einen Hauch an moralischem Verantwortungsgefuehl einzureden versuchte, ist er mit jedem neuen Abenteuer buckliger, schrumpeliger, grauer - eben aelter - geworden. Andere moegen dank seiner Erfindungen den Zwaengen irdischen Realitaet entflohen sein; Q hingegen kann nur erfinden, abwarten und Tee trinken, bis er das Zeitliche segnet. Und am juengsten Tag wird ohne Zweifel auch Bond sein tristes Ende finden. Es sei denn, Q habe in seiner Retorte schon einen kleinen Q-Homunkulus herangezuechtet.
Als erstes fallen an Q die Haende auf. Was er uns da mit hoeflichem Eifer zum Gruss hinstreckt, ist eine Pratze, so gigantisch, dass man unwillkuerlich zoegert, ihr die eigenen zierlichen Knochen zum Geschuetteltwerden anzuvertrauen. Allein der Zeigefinger hat Form und Umfang einer satten Weisswurst. Es ist dies nicht eine Hand, wie man sie bei einem Ingenieur erwarten wuerde, der eine 32jaehrige Karriere daraus gemacht hat, gewoehnliche Alltagsobjekte in chromgleissende Killermaschinen zu verwandeln. Man erinnere sich kurz der Beispiele: in Der Spion, der mich liebte ein Kaffeeservice auf Servierbrett, welches mittels Magnet zur horizontalen Guillotine umfunktioniert wird; in Moonraker - Streng geheim eine Armbanduhr, die nach Aktivierung durch eine Gelenkbewegung Gift und explosive Dartpfeile abfeuert; in Lizenz zum Toeten eine Roentgen-Polaroid mit Laserkanone sowie ein woertlich zu nehmender "Getto Blaster", in Feuerball einen Unterwasser- Scooter mit Killerharpunen - und dann selbstverstaendlich der legendaere Aston Martin, eine variable Kampfschiff-Flugzeugtraeger-Kombi auf vier Raedern. All das, und noch viel mehr, mit Weisswurstfingerspitzengefuehl zusammengebastelt von Q! Die Frage draengt sich Wirklich auf - was war denn nun sein liebster Mordapparat? Ahhh...", seufzt der grosse freundliche Herr da traurig. Mit einer Geste der Entschuldigung hebt er kurz die Pranlen von den Knien, wendet sie nach oben: "Nein, ich habe kein liebstes Gadget. Ich hasse sie alle. Hab mich nie im geringsten dafuer interessiert. Bei mir funktionieren sie nie! Beim Aston Martin haette ich's nie geschafft, auch nur die Zuendkerze zu wechseln, Ich brnig's ja nicht einmal fertig, ins Hotelzimmer zu kommen mit diesen verflixten neuen Plastikkarten, die man heutzutage anstatt guter, alter, handfester Schluessel kriegt!"
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Desmond Llewelyn ist Q und umgekehrt. Der Schauspieler erbte die Rolle des Major Boothroyd fuer den zweiten Bond-Film - Liebesgruesse aus Moskau im Jahre 1963 - und wandelte sich mit ihr zum kurzen aber wichtigen Kuerzel Q. Nur einmal, bei Roger Moores Debuet in Leben und sterben Lassen, als Llewelyn wegen eines in Verschwiegenheit gehuellten Disputes lieber anderswo arbeitete, gab er sich nicht die Ehre. Sonst mimte immer er die Rolle des genialen Tueftlers, der vergeblich versucht, so etwas wie ein Gewissen fuer den jungen, etwas vulgaeren Draufgaenger Bond zu sein. Deswegen ist Q nicht die ewige Jugend vergoennt: Llewlyn ist in der Rolle unterdessen zum dienstaeltesten Bond-Element avanciert. |
Einen entsprechend grossen Bogen schlaegt denn auch das Erfahrungsspektrum des mittlerweile achtzig Jahre alten Schauspielers. "Etwas ueber achtzig!" korrigiert er sofort. Geboren wurde er im Bergwerksguertel von Suedwales. Noch im Alter von 17 wusste er nicht, was er im Leben machen wollte: "In die Grube gehen mochte ich nicht - viele aus meiner Familie waren schon dran gestorben. Bauer werden? Zur Kirche?" Da wurde er vom Theaterfieber gepackt und ging nach London zur beruehmten Royal Academy of Dramatic Art, RADA. Nach dem Krieg mauserte er sich dann im Theater und im englischen Film zu einem guten, aber nur maessig bekannten Charakterdarsteller. Vorher aber verbrachte er seine ersten Schauspielerjahre in sogenannten Repertory-Theatern. Das verlangte ihm jede Woche eine neue Rolle ab: "Nein, nein, Stress war das nicht, nur harte Arbeit!" lacht er in Erinnerung daran. "Anderswo waers noch haerter jede - Woche zwei neue Stuecke! Da gab's eine wandernde ShakespeareTruppe, die kam jeweils in einen neuen Ort, und dann gab's als erstes ein Schauspielermeeting: Okay Du machst heut' abend Hamlet, wer will morgen Othello sein. Haha! Das war damals noch sehr locker, Heute ist da ja alles im unglaublich serioes und muehsam geworden. So kommt es, wenn viel Geld drinsteckt. Vor 30 Jahren machten wir den ersten Bond fuer eine Million Pfund. Das war damals enorm. Und wieviel kostet der neue? 30 Millionen? 40 Millionen? Ein Brando geht auf den Set und kriegt zwei Millionen dafuer, sich die Nase zu putzen! Fuer jemanden in meinem Alter ist das, well.. incredible!"
Dann kam Bond: Regisseur Terence Young hatte Llewelyn frueher einmal als walisischen Soldaten angeheuert. Jetzt bot er ihn fuer Q auf. Und unterdessen ist Double-O-Seven fuer den Schauspieler aus der Fiktion in die Realitaet uebergesprungen. Fuer die Leben, die Q Bond in all den Jahren gerettet hat, revanchiert sich letzterer jetzt mit dem Geschenk einer lebenslangen Karriere. Sie waere selbst dann nicht zu Ende, wenn GoldenEye der letzte Bond Streifen bliebe. Denn obwohl er im Film selten laenger als eine Minute auftauchte ist Q fuer LleweIyn ein Ganztagsjob geworden. Einer groben Schaetzung nach hat ein Drittel der gesamten Weltbevoelkerung schon mal einen Bond gesehen. Wenn nur ein klitzekleiner Prozentsatz dieser Menschenmasse sich nachher daran erinnert, wer Q war und ist, dann ergibt das noch immer einen Bekanntheitsgrad in Beatles- Groessenordnung. Dies hat fuer Llewelyn natuerlich tiefgreifende Folgen. Es faengt mit dem Erkanntwerden auf der Strasse an - eine Ehre, die nicht vielen anderen Darstellern von Nebenrollen zukommt: "Ich werde ungemein haeufig erkannt", sagt Llewelvn, aber letztlich glauben es die Leute dann doch nicht ganz. Sie assozieren mich mit Bond, seinem Luxus, und meinen, ich, Q muesste im Rolls-Royce reisen - nicht in der U-Bahn. So stehen sie dann da, tuscheln, gucken, tuscheln, bis sie merken, dass ich's gemerkt habe, und dann tippen sie mir auf den Arm und sagen: "Kennen Sie Bond? Sie sehen naemlich aus wie Q."
Das Erkanntwerden hat Vorteile: Es gibt Llewelyn auch dann Arbeit, wenn Bond gerade ruht. Als Stargast bei Supermarkt-Einweiungen, Schiffstaufen, Banketten und dergleichen darf der Schauspieler um den Globus reisen und erhebliche Summen kassieren - wobei er fuer wohltaetige Zwecke auch gratis auftritt: "Andere Auftraggeber heuern mich dafuer an, dass ich einfach einen kleinen Vortrag gebe. Ich hab dann eine kleine Rede vorbereitet, voller Anekdoten: Ich und Bond - das moegen die Leute." Aber all das hat auch seine Nachteile: "Seit die Bond-Filme im Fernsehen gezeigt werden, erhalte ich einfach keine anderen Rollen mehr. Frueher hab ich alles gemacht - Fernsehen, Theater. Damit war's dann Vorbei... - Frueher hat Llewelyn dies bedauert, denn Abwechslung haette seiner Schauspielerseele gut getan. Aber die Jahrespauschale, die er bekommt, seit andere Rollen nicht mehr moeglich sind, war auch nicht zu Verachten: Sie ist fuerstlich", verraet er, "und selbstverstaendlich finde ich Q nun nie mehr aufgeben, denn in meinem Alter gibt es sowieso nicht mehr viele Jobs. Stell dir vor, ich musste von der Rente leben!" Sein liebster Charakter ist Q dennoch nicht: "Es hat viele Rollen gegeben, die nur damals enorm viel Spass machten. Faszinierende Part', die ich auf der Buehne spielte, vor vielen, vielen Jahren - laengst hab ich vergessen, wie sie alle hiessen. Man wird eben alt. Man vergisst." Q in natura sieht fast genauso aus wie Q auf der Leinwand, nur etwas groesser als erwartet. Die leicht gebueckte Haltung ist die gleiche wie im Film, das inzwischen weisse Haar ebenfalls. Selbst der dreiteilige Anzug aus erdbraunem Tweed, dazu ein weinrotes Pochettchen, wuerden dem eleganteren Q der letzten paar Filme gutstehen. Desmond Llewelyn hat sich in diese Schale geworfen und ins Abfertigungsgebaeude des ausrangierten Flugplatzes bei den alten Rolls- Royce-Werken noerdlich von London begeben, um bei der fruehzeitig anlaufenden Pubhcity-Maschinerie fuer GoldenEye seinen Beitrag zu leisten. Auf einer fernen Piste uebt der neue Bond, Pierce Brosnan, den schnellen und unerwuenschten Einstieg in ein auf einen Lastwagen montiertes Kleinflugzeug. Im Hintergrund droht duester ein Panorama von schneebedeckten russischen Bergen. Im Vordergrund erheissen die lebensgrosse Attrappe einer desolaten Chemiefabrik und die davor auf ihren Auftritt wartenden russischen Soldaten keinesfalls einen easy ride fuer 007 zumal die sonst strahlend blaue Fruehlingslandschaft mit Styroporschnee bedeckt ist. Nach dem Flop Lizenz zum Toeten hat man bei GoldenEye zurueck in den schurkenreichen Mythos von Ost- und Westeuropa gefunden. Llewelyn hat dafuer seine Theorie: "Lizenz zum Toeten war fuer das amerikanische Publikum zu realitaetsnah", erklaert er. "Bond ist doch gerade deswegen so populaer, weil alles pure Phantasie ist. Wir leben in enger grauen, brutalen Welt. Da ist es eine Erloesung, wenn wir in eine andere Welt kommen, wo die wunderbarsten Dinge geschehen, genauso, wie wir es uns ertraeumt haben." Wenn er allerdiugs auf seine persoenliche Rolle angesprochen wird, die in der letzten Bond-Folge wesentlich mehr umfasste als nur die UEbergabe eines neuen Spielzeugs, dann wird Llewelyn sentimental: "Ich weiss nicht, ob die Macher den Wert von Q ganz erkennen wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Es hat mich jedenfalls oft enttaeuscht, Szenen, mit denen mein Charakter viel mehr Fleisch bekommen haette, rausgeschnitten wurden. Und das Verhaeltnis zwischen Q und Bond, das einmal aeusserst kuehl, distanziert und misstrauisch war, ist ueber die Jahre fast vaeterlich geworden. Diese Polaritaet hilft doch nicht, den Filmen eine menschliche Dimension zu verleihen." Trotzdem hat Q in GoldenEye nur einen kurzen Auftritt: "Das stimmt mich natuerlich traurig."
Dann muss Q, alias Desmond Llewelyn, gehen. Draussen wartet ein Financier von GoldenEye mitsamt seiner Familie und diversen staunenden Freunden und Freundinnen seines Nachwuchses. Sie alle wollen Qs Riesenklauen schuetteln, nachdem sie "ja schon so viel von ihm gehoert" haben. Wohlgewandt im diplomatischen Ausklinken schreitet er dann zielstrebig auf den Ausgang zu. Gerade noch rechtzeitig kommt ihm etwas in den Sinn: "Ach...", dreht er sich noch einmal um, "und ich freu' mich schon darauf, im naechsten Bond wieder mehr zu tun zu haben!"
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